9. Symposium „Musik?“
9. und 10. September 2011
Marko Ciciliani (NL/A)
Maria Gstättner (A)
Michael Iber (D)
Johannes Kreidler (D)
Burkhard Stangl (A)
Daniela Tagger (A)
Für unsere alten Meister und Musikgelehrten war Musik eine Wissenschaft und Kunst, geschickte und angenehme Klänge klüglich herzustellen, richtig an einander zu fügen, und lieblich heraus zu bringen, damit durch ihren Wollaut Gottes Ehre und alle Tugenden befördert werden (Johann Mattheson). Seitdem hat sich vieles verändert. Anton Webern vollzog mit seinem Satz Die Musik ist die gesetzmäßige Natur in Bezug auf den Sinn des Ohres den Schritt von einer materialbezogenen zu einer kommunikationsbezogenen Definition. Von der Tonkunst zur Hörkunst also. Unsere aktuellen Musikkonsumgewohnheiten bringen uns die Musik mittels Lautsprecher oder Kopfhörer so nah an unser Ohr wie nie zuvor, und das in einem bisher nie da gewesenen Ausmaß, in einer nie da gewesenen Vielfalt. In einer Woche kann man mehr Musik hören als jemand im 15. Jahrhundert in seinem ganzen Leben. Es ist wie ein endloses Bankett, an dem man sich überfrisst, sofern man sich nicht mäßigt, meint der britische Neurologe und Schriftsteller Oliver Sacks. Was aber ist diese Musik und unser Hören heute? Wie der zerbrochene Spiegel der Postmoderne bzw. unserer globalisierten und vernetzten Welt scheint sich der traditionelle Musikbegriff in unzählige Facetten aufzusplittern, aufzulösen und doch wieder neu zu bilden.
Programm:
Freitag, 9. 9.
10.00 Uhr
BORG Mittersill Eröffnung des 9. Symposiums „Musik?“
10.30 – 11.00
Begrüßung und Einführung Hannes Raffaseder und Wolfgang Seierl
11.00 – 12.00
Marko Ciciliani musikalisches Erlebnis und Anwesenheit von Klang.
Marko Ciciliani geht in seinem Beitrag der Frage nach, inwiefern musikalisches Erlebnis notwendigerweise von der Anwesenheit von Klang abhängt. Den Anfangspunkt dieser Überlegung bildet die sogenannte visual music, die bereits in den frühen Tagen des experimentellen Films als Modell gesehen wurde, visuelle Medien auf abstrakte Weise derartig zu gestalten, dass sie auch ohne Klang eine musikalische Qualität vermitteln. Zudem hat es seit dem 19 Jahrhundert zahlreiche Kompositionen gegeben, die ganz still sind. In der Weiterverfolgung der Suche nach musikalischen Erlebniskategorien, die nicht, oder nur indirekt von der Anwesenheit einer Schallquelle abhängen, zieht Ciciliani Beispiele von Chopin bis Laibach heran. Welche Konsequenzen hat es für eine Definition von Musik, wenn musikalisches Erlebnis ohne Klang auskommen kann?
14.00 – 15.00
Maria Gstättner Menschen sprechen über Musik
menschen hören musik
menschen spüren musik
menschen definieren musik
menschen phantasieren musik
menschen komponieren musik
musik bewegt menschliches bewußtsein,
ist klang, geräusch, lärm
ton an ton
übereinander _ miteinander _ durcheinander
erzeugt räume verschiedenster Farben
musik ist für menschen
menschen mit musik
Für meinen Vortrag lasse ich Menschen über Musik sprechen.
Mal hören was sie sagen ..
15.00 – 16.00
Michael Iber Soundalikes
Musik gewordene Abbilder von Musik: das sind die soundalikes des
Berliner Musikers Michael Iber. Aus ständig wechselnden Perspektiven
kratzen diese Momentaufnahmen von Ikonen unserer Kultur an ihrer eigenen
außermusikalischen Geschichte. Das fremdartig Vertraute der soundalikes,
anbiedernd und abstoßend zugleich, rückt sie in die Nähe zu dem
Statement des Frankfurters Theodor W. Adorno über die Musik seines
Zeitgenossen Igor Stravinsky: Es klingt, wie aus Briefmarken geklebte
Bildchen aussehen, brüchige und wiederum ausweglos dicht verklammerte
Montage, drohend gleich den ärgsten Träumen.
Samstag, 10. 9.
10.00 – 11.00
Daniela Tagger Videos ohne Musik
Als GastkuratorInnen haben Florian Gruber und ich Ideen entwickelt, die einen neuen Zugang zum KOFOMI ermöglichen sollen. Mit dem *** SCORE _ VIDEO _ RMX 2011 *** wollen wir vor allem junge MusikerInnen und Kunstinteressierte aus dem Raum Pinzgau ansprechen. KünstlerInnen haben uns ihre Videos zur allfälligen Vertonung zur Verfügung gestellt. Durch die Interaktion werden neue Interpretationen der Filme und Videos sowie Kooperationen und interdisziplinärer Austausch möglich. In der Auseinandersetzung mit experimentellen Videos können neue Medien in verschiedenster Hinsicht hinterfragt werden. Die digitale Technik bietet vor allem im Bereich Musik und Video die Gefahr quantitativer Überschwemmungen. Die Macht darüber, wer als „KünstlerIn“ für ein breiteres Publikum hör- oder sichtbar gemacht wird, liegt oft in profitorientierten Händen.
Der *** SCORE _ VIDEO _ RMX 2011 *** soll eine direkte Bereicherung für alle Beteiligten und ein Anstoß in Richtung „Tauschbörsen“ sein.
Einen weiteren Beitrag zur Diskussion „Überleben von Nichtkommerziellem“ leisten eingeladene KünstlerInnen und MusikerInnen, welche im öffentlichen Raum Mittersill im weitesten Sinn „Straßenmusik“ produzieren werden. So wollen wir der Frage MUSIC? in direkter Kommunikation mit den MittersillerInnen nachgehen.
Auch einige Werke der bildenden Kunst werden an verschiedenen Orten auf das KOFOMI aufmerksam machen. Sie verweisen ebenso auf die Fragwürdigkeit von Grenzziehungen.
Im Symposium werde ich einige Videos des *** SCORE _ VIDEO _ RMX 2011 *** zeigen, um damit das Interesse an übergreifenden Projekten zu wecken.
11.00 – 12.00
Johannes Kriedler Musik mit Musik / Musik ohne Musik
Da in der Musik der Materialfortschritt an seine Grenzen kommt, setzt ein Paradigmenwechsel ein: weg von einer Material-, hin zu einer „Gehaltsästhetik“ (Harry Lehmann). Wenn ein Konzept den Kunstcharakter bestimmt, kann heute eine Punkband mit drei Akkorden ebenso „Neue Musik“ sein wie die Klarinette in pianissimo-Septolen. Überdies führt die heutige Digitaltechnik leicht über die pure Musik hinaus, da der Computer ein multimediales Universalwerkzeug ist, dessen Handhabe Jedermann möglich ist.
Meine künstlerische Arbeit der letzten Jahre bewegt sich in diesem Feld. Aus musikimmanenten Entscheidungen resultierten Kunstaktionen, Videos und andere Formen, die die Musik nicht nur medial, sondern auch gesellschaftlicht entgrenzen. Sie werden präsentiert und dazu soll einiges Theoretische über den „Musik“- und den „Neue Musik“-Begriff entwickelt werden.
14.30 – 15.30
Burkhard Stangl Umzweckung. Unstrumente. Unmusik.
In dem Beitrag möchte ich Beispiele, Überlegungen und Fragestellungen zu Erscheinungen aus der Welt des Nicht-Konzertsaals vorstellen und den Versuch machen, einer Unmusik auf die Spur zu kommen.
15.30 – 16.30
Podiumsdiskussion mit den SymposiumsteilnehmerInnen
19.30 Uhr
St. Annakirche The International Nothing/Kai Fagaschinski und Michael Thieke (D)
Burkhard Stangl *1960, Gitarrist, Komponist und Elektronik-Musiker, arbeitet in den Bereichen experimentelle Improvisation, elektronische und neue Musik.
Studium der Ethnologie und Musikwissenschaft. In den 1980ern erste Bands (Ton.Art, Die Vögel Europas) und Gitarrist bei Franz Koglmann (Monoblue Quartet, Pipetet); in den späten 1990ern zunehmend Arbeiten in elektro-akustischen Kontexten.
Kompositionen u. a. für Klangforum Wien, Monoblue Quartet, Maxixe, Hortus Musicus, Binar und Experimentalfilme von Gustav Deutsch. Konzerte & Teilnahme an Festivals in Europa, Amerika, Asien und Afrika. Seit 2005 Lehrbeauftragter (Improvisation und neue Musikströmungen) an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien

Michael Iber *1965 in Mannheim, lebt in Berlin und Coburg, studierte Klavier an der Staatlichen Hochschule für Musik Karlsruhe, der California State University und der Royal Academy of Music in London und war bis 2005 als Pianist tätig. Seit Ende der 1990er Jahre Beschäftigung mit elektronischer Musik und Programmierung. Ursprünglich »klassischer Interpret« interessiert er sich inzwischen in einem erweiterten Sinne für Interpretationsformen, für ein verändertes Verständnis von Kunstwerk und Urheberschaft und die Bedeutung kultureller Referenzen im Rahmen künstlerischer Arbeit. Er ist Autor zahlreicher Rundfunk-Features und arbeitet für den SWR in der Produktion der Donaueschinger Musiktage

Johannes Kreidler *1980 in Esslingen, studierte an der Musikhochschule Freiburg Komposition bei Mathias Spahlinger, elektronische Musik bei Orm Finnendahl sowie Musiktheorie bei Ekkehard Kiem. 2004/2005 Gaststudent am Institut für Sonologie (Computermusik) Den Haag/NL, zusätzlich Studien in Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Freiburg. Seit 2003 Beschäftigung mit Experimentalfilm. Seit 2006 Lehrbeauftragter für Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Theater Rostock, seit 2007 auch am Hochbegabtenzentrum der Musikhochschule Detmold. Lebt seit 2006 in Berlin (www.kreidler-net.de)

Daniela Tagger, 1980 in Mittersill geboren und in Kaprun aufgewachsen
Höhere technische Bundeslehranstalt Saalfelden, anschließend Studien an der Technischen Universität Wien (Architektur) und seit 2002 an der Universität für angewandte Kunst Wien (Kunst und kommunikative Praxis und Textil - freie, angewandte, experimentelle, künstlerische Gestaltung), zahlreiche Auslandsaufenthalte u. a. in Marokko, Hawaii, Australien, Indonesien, Georgien, Türkei, Ukraine, Slowenien und Uganda, Ausstellungen u. a. in Wien/Kunsthalle Karlsplatz, Krems, Passau, Istanbul, Tampere/Center of Contemporary Art, Ljubljana, Bologna, Kampala und London.
Ihre Arbeit umfasst Fotografie, Video und Aktionen im öffentlichen Raum

Marko Ciciliani *1970 in Kroatien, lebt als freischaffender Komponist und Performer elektronischer Musik in Wien. Er schreibt für verschiedene Besetzungen von Solo- bis Orchesterbesetzungen, oft unter Einbeziehung von Live-Elektronik, Licht, Laser, Cartoons und Video. Ein besonderes Interesse seiner Arbeit gilt der Kombination von Klang und Licht, was auch das Untersuchungsfeld seiner Doktorarbeit bildete. 2009 Villa Aurora Stipendium für Los Angeles und Composer in Residence beim 14. KomponistInnenforum Mittersill/Österreich. Er ist Gastprofessor am Institut für elektronische Musik und Akustik
der Kunstuniversität Graz und unterrichtet am Institut für Komposition und Elektroakustik der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Darüber hinaus ist er Gastdozent am Königlichen Konservatorium in Den Haag und Lektor an der Fachhochschule St. Pölten.

Maria Gstättner (A) *1977 in Mürzzuschlag. Fagottstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, spielte u. a. bei den Wiener Philharmonikern, den Wiener Symphonikern, dem RSO Wien, dem Grazer Philharmonischen Orchester und in Theaterproduktionen am Wiener Burgtheater und dem Wiener Volkstheater. Mitglied der Jazz-Neue-Musik-Improvisations-Big Band "Studio Dan". Sie ist eine der wenigen Expertinnen für freie Improvisation auf dem Fagott (Zusammenarbeit mit Bertl Mütter, Jon Sass und Gerald Preinfalk)
